Der Anschlag von Ankara 2015 und die Schuldigen

Im Oktober 2015 hielt der wohl bekannteste türkische Mafiapate Sedat Peker in Rize eine Kundgebung gegen den Terror ab, auf der er angekündigte: „Es wird in Strömen Blut fließen!“ Einige Tage später starben bei dem blutigsten Terroranschlag der modernen Türkei 102 Menschen bei einer Friedensdemonstration. Peker, Nationalist, sieht sich als Freund und Unterstützer der AKP, Erdogan’s islamischer Partei. Teilnehmer der Friedensdemo waren vor allem Linke, Kurden, Studenten, NGO-Mitarbeiter, HDP-Politiker – also Oppositionelle.

Staatspräsident Erdogan und sein Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hatten ihre Verantwortlichen schnell ausfindig gemacht: Schuld an dem Anschlag war ein „Terror-Cocktail“: Die ISIS, die PKK, die linksradikale DHKP-C als auch die Gülen-Bewegung hätten sich zum gemeinsamen Kampf gegen die Türkei verschworen. Das Absurde an der Geschichte ist nicht, dass der türkische Staat wieder mal keineswegs bemüht war diesen grausamen Anschlag aufzuklären. Es ist das völlige Desinteresse, an der Aufklärung, des Großteils der türkischen Bevölkerung, der jeden friedliebenden Menschen verrückt werden lässt. Da werden dann auch mal Verschwörungstheorien des Staatspräsidenten als logische Schlussfolgerung angesehen und dass es sich bei den Toten (wieder einmal) um Gegner Peker’s und Erdogan’s handelte, spielt auch keine Rolle. Es geht um die Türkei. Da ist es einem regierungstreuen Nationalisten eher unwichtig, was logisch klingt. Hauptsache man hat einen oder mehrere Schuldigen.

Gleichzeitig läuft eine der brutalsten Vernichtungsaktionen des türkischen Militärs in den kurdischen Gebieten. Der türkische Staat verhängt wochen- und monatelange Ausgangssperren, belagert ganze Städte, kapselt die Bezirke von Strom und Wasser ab und bombardiert Zivilisten- Kinder, Rentner, Mütter, Väter sterben zuhauf. Was machen die staatstreuen Medien? Sie berichten von Toten, von toten Terroristen. Kein Wort über die psychologischen und physischen Zerstörungen gegenüber der kurdischen Zivilbevölkerung. Zivilisten sterben, so meint man, wenn man sich die türkisch-nationalistischen und regierungsnahen Erklärungen anhört, nur in anderen Gebieten unserer Erde. Die Türkei tötet ja nur Terroristen. Aber: Hundertausende fliehen. Spätestens jetzt müsste es klingeln. Das tut es aber leider nicht.

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