Ich bin erschöpft

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Ich bin erschöpft. Ich bin erschöpft von der Realität, die mich zeit meines Lebens immer wieder einholt.
Ich bin erschöpft vom Hass, der mich umgibt. Ich bin einfach erschöpft.

Geboren, als alevitischer Kurde, in der heutigen Türkei. Atheistisch, pazifistisch und liberal erzogen, fand ich meinen Platz, nach dem Asylgesuch meiner Eltern in Deutschland, in dieser Gesellschaft. Mein erster Freundeskreis war durchgemixt – Bosnier, Kosovaren, Italiener, Türken, Araber, Spanier, Deutsche, Muslime, Christen, whatever. Wir waren Kinder und störten uns nicht an Unwichtigkeiten wie Herkunft und Religion. Die Zeit ging um, man wurde älter, kam in die weiterführende Schule, der Freundeskreis erweiterte sich. Ich hatte schnell neue Lieblingsbeschäftigungen, vor allem mit meinen deutschen Freunden: Räuber und Gendarm, Pokemon, Nintendo und PlayStation. Wir spielten tagtäglich miteinander und auch da interessierte nicht, wer welche Herkunft hatte und wer welcher Religion angehörte. Und wieder, wie es im Laufe des Lebens eben so ist, fand man neue Freunde. Der Kreis erweiterte sich. Es wurde immer internationaler. Vielleicht wollte ich es auch so, da ich es auch schon damals als bedrückend empfand, Menschen aufgrund ihrer Herkunft auszuschließen oder mich einer bestimmten Community anzuschließen, um unter meines Gleichen zu sein. Für Viele, ob deutsch oder nicht-deutsch, war dies eher Standard.

Trotz des internationalen Freundeskreises habe ich aber auch viel Hass erfahren. Alltagsrassismus und Diffarmierungen waren mir nie fremd. Ich war der „Scheiß Ausländer„, der „Scheiß Atheist“, der „Scheiß Kurde“ und auch abwertend geäußert „der ungläubige Deutsche„. Das hat mich nie geschwächt, nein. Es hat mich sogar mental noch stärker werden lassen. Ich habe festgestellt, dass Menschen gerne unterscheiden. Sie erheben sich zu höherwertigen Lebewesen. Sie sehen ihre zufällige Geburt als Zeichen dafür, etwas verteidigen zu müssen, wofür sie nichts können. Sie sind voller Stolz und Ehre. Das konnte ich nie nachvollziehen, weil es an Unlogik kaum zu überbieten war. Sei’s drum.

Nun sind wir in einer schweren Zeit. Armut wächst, Ungleichheit und Ungerechtigkeit werden medial in alle Welt transportiert, man kriegt mit, ist live dabei, wenn etwas passiert und man kann sich sofort eine Meinung über die Geschehnisse bilden (lassen). Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich befördert zugleich die extremen Kräfte sämtlicher Natur. So war es früher, so war es gestern, so ist es heute, so wird es auch Morgen sein. Unsere Probleme sind menschlichen Ursprungs und auch nur der Mensch kann diese Probleme lösen.

Terror, Amok, Krieg und Bürgerkrieg sind Resultate egoistischer und regressiver Politik. Terror, Amok, Krieg und Bürgerkrieg sind Resultate narzistischer und ignoranter Gesellschaften. Terror, Amok, Krieg und Bürgerkrieg sind Resultate wahnsinniger und krankhafter Natur.

Kein Mensch kann mir erzählen, dass er nicht gerne in Frieden mit seiner Familie und seinen Freunden leben wollen würde. Keiner. Außer der misanthropische Psychopath und Soziopath. Diesen wird es aber immer haben. Diesen wird man auch nicht immer bremsen können. Diesen wird man auch nicht immer ausfindig machen können.

Ich bin Atheist. Ich bin kurdischen Ursprungs. Ich bin Deutscher. All diese Klassifizierungen sind unwichtig. Ich bin ein Mensch, wie Du einer bist. Das Böse steckt nicht in einer Ethnie. Das Böse steckt in der Ignoranz derer, die außer sich nichts kennen und lieben. Hassgedanken dürfen nie die Überhand gewinnen.

Damit sich ein utopischer Frieden etablieren kann, braucht es eine Umstrukturierung der weltweiten Gesellschaft. Dazu wird es nicht kommen, da immerzu Spalter, Hetzer und Egomanen die Welt in Atem halten werden. Sie gönnen nicht und sie können nicht.

Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam Amokläufe und Anschläge verurteilen, ohne Menschen unter Generalverdacht zu stellen. Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam für Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit einstehen, ohne Abstriche zu machen. Ich wünsche mir Menschlichkeit auf diesem Planeten – ob in München, Manbij, Ansbach, Kobane, Istanbul, Kabul, Bagdad, Paris, Brüssel, Nizza oder sonstwo.

Lasst uns für unsere Freiheit einstehen. Lasst uns für Brüderlichkeit einstehen. Lasst uns für Liebe einstehen. Nur gemeinsam können wir stark genug sein, um den Hass zu bekämpfen.

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